Zweimal JA zur Rentenreform am 24. September 2017

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Seit zwanzig Jahren ist die Altervorsorge in der Schweiz nicht mehr reformiert worden - Zeit für eine Reform.

Warum braucht es eine Reform?

Die Lebensrealitäten der Menschen haben sich geändert, die Altersvorsorge muss diesen Realitäten angepasst werden. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge der 1950er und 1960er-Jahrgänge erreichen das Rentenalter, zur finanziellen Stabilisierung und Sicherung der Renten braucht die AHV eine Zusatzfinanzierung. Zudem sinken die Zinsen in der zweiten Säule. Für die Beibehaltung des Rentenniveaus braucht es eine Erhöhung der AHV-Renten. Die nun vorliegende Reform ist ein Misch-und Kompromisspaket. Der VPOD hat sich mit knapper Mehrheit dafür entschieden, die Vorlage zu unterstützen.

Mehr Informationen in unserer Broschüre » "Wenn Babyboom und Pillenknick in Rente gehen"

Was steht drin?

Die Reform 2020 ist ein Mischpaket. Sie enthält viele wichtige soziale Fortschritte wie die Erhöhung der AHV-Renten oder die Verbesserung für Teilzeitarbeitende, aus gewerkschaftlicher Sicht mit der Erhöhung des Frauenrentenalters aber auch einen Rückschritt.

  • Erhöhung des Referenzalters auf 65/65: Das Referenzalter beträgt für Mann und Frau 65 Jahre. Das heisst, ab 65 werden die Leistungen der AHV ohne Zuschläge und Abzüge ausbezahlt.
  • Erste Erhöhung der AHV-Renten seit 40 Jahren: 70 Franken mehr pro Monat (840 Franken pro Jahr) bekommen Alleinstehende; dank der Erhöhung des Ehepaarplafonds auf 155 Prozent (vorher 150 Prozent) ergeben sich Verbesserungen für Paare von bis zu 226 Franken pro Monat (2712 Franken pro Jahr).
  • Verbesserung der Teilzeitarbeit in der zweiten Säule: Teilzeitarbeit ist heute schlecht versichert. Frauen haben daher bis zu 63 Prozent tiefere Pensionskassenrenten als Männer. Die Benachteiligung der Teilzeitarbeit in der zweiten Säule wird stark gemildert durch die Senkung und Flexibilisierung des Koordinationsabzuges.
  • Rentenanspruch in der zweiten Säule auch bei Jobverlust nach 58: Arbeitnehmende, die nach 58 ihre Stelle verlieren, können das angesparte Kapital in der Pensionskasse lassen und haben so ein Anrecht auf späteren Rentenbezug. Es gibt keinen Zwang mehr, das Altersguthaben vor der Pensionierung anzuzapfen.
  • Flexible und schrittweise Pensionierung zwischen 62 und 70 Jahren: Die Kombination von Teilzeitarbeit und Teilbezug der Rente wird möglich. Die Kürzungssätze für die vorzeitige Pensionierung werden deutlich gemildert; bei Pensionierung mit 64 Jahren beispielsweise von 6,8 auf 4,1 Prozent. Bei den tiefen und mittleren Renten kompensiert der AHV-Zuschlag von 70 Franken den verringerten Verlust vollständig. Es bleibt also bei Pensionierung mit 64 gleich viel Geld wie vorher
  • Sicherung der AHV-Finanzierung aufgrund der Babyboomer-Generation: Die Zusatzfinanzierung erfolgt über die Mehrwertsteuer. Zunächst, indem 0,3 Mehrwertsteuerprozentpunkte von der IV in die AHV umgeleitet werden. Ab 2021 erfolgt eine moderate Anhebung der Mehrwertsteuer um 0.3 Prozentpunkte. Ohne diese Zusatzfinanzierung würde die AHV aufgrund der grossen Jahrgänge, die jetzt in Rente gehen, rasch in Schieflage geraten. Dank dem zusätzlichen Geld ist die Forderung nach Rentenalter 67 einstweilen vom Tisch.
  • Senkung des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule: Der Umwandlungssatz in der zweiten Säule sinkt von heute 6,8 auf 6 Prozent. Für die Übergangsgeneration besteht ein Besitzstand für alle ab 45 Jahren.
    Die öffentlichen Kassen des VPOD sind davon praktisch nicht betroffen, da die meisten kantonalen und öffentlichen weit über das Obligatorium hinausgehen und daher legal bereits heute tiefere Umwandlungssätze anwenden können.


Wer profitiert von der Reform?

  • Personen, die trotz Erwerbstätigkeit nur in der ersten Säule versichert sind: 500 000 Frauen in der Schweiz sind trotz Erwerbstätigkeit nur in der AHV versichert. Ihre Altersrente steigt mit dem Zuschlag um 840 Franken pro Jahr.
  • Personen, die Teilzeit arbeiten: Die Flexibilisierung und Senkung des Koordinationsabzuges in der zweiten Säule trägt vor allem jenen Rechnung, die Teilzeit arbeiten und einen Lohn zwischen 22 000 und 45 000 Franken beziehen. Das sind überdurchschnittlich viele Frauen. Rund 58 Prozent der Frauen, die erwerbstätig sind arbeiten Teilzeit.
  • Personen über 58, die ihre Stelle verlieren: Sie können das angesparte Kapital in ihrer Pensionskasse weiterführen und später eine Rente geltend machen. Sie können nicht mehr gezwungen werden, das Angesparte aufzubrauchen.
  • Heutige Rentnerinnen und Rentner: Richtig ist, dass die heutigen Rentnerinnen und Rentner von der höheren AHV-Rente nicht profitieren werden. Trotzdem hilft die Reform auch ihnen. Denn damit ist eine Kürzung der laufenden Renten, wie sie auch im Parlament von rechts gefordert wurde, vom Tisch.
  • Die Jungen: Dass die Reform die AHV stärkt, nützt auch den jungen Menschen, die nur dank der ersten Säule eine gute Altersvorsorge aufbauen können. Müssten sie gleich viel Rente in der zweiten oder gar der dritten Säule ansparen, käme das viel viel teurer.

Welche Märchen tischen die Gegner auf?

Das Märchen von der Giesskanne!

Wer die Giesskanne nicht mag, hat entweder keinen Garten oder das Funktionieren der AHV nicht verstanden. Die Giesskanne ist ein sehr gutes und vor allem unbürokratisches Verteilungsinstrument - auch wenn ein paar Tröpfchen an Orte fallen, wo sie nicht benötigt würden. Ja, es ist richtig, dass auch von den 70 Franken Zuschlag alle AHV-Bezügerinnen profitieren, auch die Reichen, die darauf nicht angewiesen sind. Aber das ist der Preis dafür, dass die Gutverdienenden in die solidarische Finanzierung der AHV eingebunden bleiben. AHV-Beiträge werden bekanntlich auf dem ganzen Lohn erhoben. Die Reichen bezahlen also viel mehr ein, als sie jemals an AHV beziehen werden, selbst wenn sie ganz lange leben.

"Die Reform gefährdet die Stabilität der AHV"

Die AHV-Defizite in den vergangenen drei Jahren sind der demografischen Entwicklung geschuldet. Die Babyboomer kommen in Rente, und die AHV braucht eine zwischenzeitliche Zusatzfinanzierung. Diese wird auch über eine Erhöhung der Lohnbeiträge finanziert (Anhebung um je 0.15 Prozent für Arbeitgeber und Arbeitnehmende) sowie über die Zusatzfinanzierung durch die Mehrwertsteuer. Damit ist die Finanzierung der AHV für die nächsten Jahre stabilisiert. Wenn die AHV keine roten Zahlen schreibt, sind auch die Forderungen nach Rentenalter 67 nicht gerechtfertigt. Ohne diese Reform würde es lange dauern, bis eine neue Vorlage parat ist. In dieser Zeit würden sich die AHV-Finanzen sehr bedenklich entwickeln: Wasser auf die Mühlen jener Kreise, die das Pensionsalter allgemein heraufsetzen wollen.

Alles auf Kosten der Jungen?

Das die Jüngeren die Renten der Älteren finanzieren, ist Teil des Generationenvertrags, auf dem die AHV seit ihrer Einführung beruht. Der Anspruch der jungen Generation bleibt erhalten: Geht sie eines Tages in Pension, erhält auch sie eine Rente, die von denn dannzumal Erwerbstätigen finanziert wird. Die AHV entlastet die junge Generation aber auch: Seit ihrer Einführung musste die Altersvorsorge nicht mehr privat geregelt werden, sondern die Sorge für ältere Menschen wurde teilweise auch staatliche Aufgabe. Das ist richtig so. Auch bei der Einführung der AHV 1948 hätte man so argumentieren können: Die Jungen müssen zahlen, und die Alten - damals eine Generation, die tatsächlich nichts in die AHV eingezahlt hatte - profitieren. Am Ende profitieren alle (ausser die Allerreichsten, die sich auch ohne AHV alles leisten könnten).

Anders sieht es in der zweiten Säule aus: dort sind die Jungen momentan tatsächlich benachteiligt. Die steigende Lebenserwartung führt im Kapitaldeckungsverfahren dazu, dass viele Pensionskassen die Umwandlungsätze nicht mehr zahlen können und die technischen Parameter senken. Für die Pensionskassen bedeutet dies, dass eine Umverteilung auf Kosten der Erwerbstätigen sattfindet. Sie müssen einen Teil der laufenden Renten mitbezahlen, statt für die eigene Rente zu sparen. Die Altersreform 2020 reagiert darauf mit der Senkung des Umwandlungssatzes. Die meisten öffentlichen Pensionskassen sind von dieser Senkung des Umwandlungssatzes jedoch nicht betroffen, da der Umwandlungssätze in Realität bereits tiefer sind.

Mehr Argumente für die AV2020 auf der Seite des » Bundesamts für Sozialversicherungen

Welche Haltung vertritt der VPOD?

Der VPOD hat an seiner Delegiertenversammlung mit 22 zu 19 Stimmen Zustimmung zur Altersvorsorge 2020 beschlossen. Angesichts der deutlich gegenteiligen Stimmung in der Westschweiz lässt er allerdings seinen Regionen der Romandie die Freiheit, abweichende Meinungen zu vertreten. Auf Verbandsebene aber ist klar: Der VPOD setzt sich – mit dem SGB – mit aller Kraft für die Altersvorsorge 2020 ein, weil nur ein doppeltes Ja zu dieser Vorlage die so dringend nötige Entspannung bei der AHV-Finanzierung bringt und eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters verhindert.

Weiteres » Kampagnenmaterial auf der Seite des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).