Das Praktikum führte zu einer Festanstellung – die Arbeitslosenkasse musste nachzahlen

Eine Sprachschule schloss mit der erwerbslosen Kollegin H. einen Vertrag für 60 Lektionen mit tiefem Pauschalbetrag. Die Arbeitslosenkasse zog einen fiktiven branchenüblichen Lohn von H.s Arbeitslosen-unterstützung ab. Dank VPOD-Hilfe kam die Beschwerde dagegen durch.

Auch für gut qualifizierte Berufspersonen liegen heute passende Arbeitsstellen nicht auf der Strasse. So meldete sich Kollegin H. als Erwerbslose beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum an. Im Wissen darum, dass sie nicht auf ihre Traumstelle warten kann, sondern auch zumutbare Arbeit in einem anderen Berufsfeld ins Auge fassen sollte, packte sie die Chance: ein Praktikum bei einer Bildungsinstitution, um erste Erfahrungen im Unterrichten von Erwachse- nen zu sammeln. Sie schloss einen Einsatzvertrag für 60 Kurslektionen «Deutsch als Fremdsprache» ab und erhielt eine Pauschale von 1000 Franken

Hätte, hätte, Fahrradkette ...

Ordnungsgemäss meldete sie diesen befristeten kleinen Zwischenverdienst der Arbeitslosenkasse. Diese machte in der folgenden Monatsabrechnung jedoch geltend, H. habe «keinen Anspruch auf Kompensations- oder Differenzzahlung, da der Zwischenverdienst höher als die mögliche Arbeitslosenentschädigung» sei. Die Arbeitslosenkasse ging nämlich nicht vom Praktikumslohn von 1000 Franken aus, sondern von einem orts- und branchenüblichen Lohn, den H. als angestellte oder beauftragte Fachdozentin hätte erhalten müssen.

Gegen diese Verfügung erhob H. mit Unterstützung des VPOD beim zuständigen kantonalen Wirtschaftsamt Einsprache. Dieses begründete seine Abweisung so: Mit dem «Kollektiv der Berufs- und Ortsüblichkeit der Entlöhnung» solle verhindert werden, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmende im im Sinne eines Lohndumpings einen zu niedrigen Verdienst vereinbaren, um die Differenz zulasten der Arbeitslosenversicherung entschädigen zu lassen. Mit andern Worten: Es handle sich bei H.s Einsatz um ein unechtes Praktikum, das nicht als arbeitsmarktliche Massnahme gelten könne.

Auch gegen diesen Entscheid reichte H. Beschwerde ein, nun bei der nächsthöheren Instanz, dem Verwaltungsgericht. Dessen Einzelrichterin urteilte zugunsten von H. und erläuterte minutiös die Frage von echten und unechten Praktika. In der Praxis werde ein «echtes» Praktikum regelmässig mit geringerem Lohn entschädigt, weil es als Bestandteil einer Ausbildung oder als Einstieg in ein neues Berufsfeld verstanden werde.

Damit werde das Kriterium der Orts- und Berufsüblichkeit häufig nicht erfüllt. Von einem «unechten Praktikum» sei dann auszugehen, wenn zwischen den Vertragsparteien eine Absicht auf Lohndumping bestehe, also absichtlich ein zu tiefes Gehalt vereinbart werde, das die Arbeitslosenkasse dann auszugleichen habe.

Sprungbrett zur Festanstellung

Vorliegend könne davon keine Rede sein, weil die Unterrichtstätigkeit H. tatsächlich einen ersten Einblick in das Arbeitsfeld der Erwachsenenbildung geboten und für sie be-rufliches Neuland bedeutet habe. Auch wenn der Praktikumslohn tiefer als erwartet war, bewege er sich in einem orts- und branchen-üblichen Rahmen und falle nicht unter die Missbrauchsklausel. Aufgrund des absolvierten Praktikums erhielt H. denn auch in einer anderen Bildungsinstitution eine Festanstellung mit einem adäquaten Gehalt.

Für den VPOD wird die Sache dann problematisch, wenn Sprachschulen gezielt «Praktikantinnen» anwerben (was etliche Stellenausschreibungen belegen) und damit ausgebildete Fachleute konkurrenzieren. In diesen Fällen handelt es sich um Dumping, gegen welches die Kantone oder das Seco vorgehen müssten – allerdings nicht auf dem Buckel von Arbeitslosen...

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