Kitas in Existenznöten

Der Ausbau der familienergänzenden Kinderbetreuung in der Schweiz in den letzten 15 bis 20 Jahren wird gerne als Erfolgsgeschichte dargestellt. Tatsächlich handelt es sich um eine quälend langsame Entwicklung.

Der Bundesrat hatte zwar richtigerweise entschieden, dass die Kinderbetreuung zur Grundversorgung gehört und ein Grundangebot aufrecht erhalten bleiben muss.

Die finanziellen Konsequenzen dieser Entscheidung wurden aber erst spät erkannt und ungenügend angepackt: Die Branche ist überwiegend privatwirtschaftlich organisiert und wird grossmehrheitlich durch Elternbeiträge finanziert. Diese Zahlungen blieben im Lockdown aus, die Existenz von vielen Kitas ist gefährdet.

Wenn es zu einem Angebotseinbruch kommt, wird sich das negativ auf die Frauenerwerbstätigkeit und damit auf die Erholung der ganzen Wirtschaft auswirken.

Das Parlament hat in der ausserordentlichen Session vom Mai eine finanzielle Verpflichtung des Bundes in der Höhe von 65 Millionen Franken beschlossen. Ein notwendiger, aber dennoch ungenügender Schritt, der die grundsätzlichen Probleme des Bereichs nicht löst.Kurz zusammengefasst lauten sie: Es gibt zu wenig Betreuungsplätze und keine nationalen Ausbauziele.

Die Betreuungsplätze sind unterfinanziert, aber für die Eltern dennoch viel zu teuer, und der gesellschaftliche und wirtschaftliche Nutzen der Kinderbetreuung wird unterschätzt. Die Qualität ist vielerorts unzureichend.

Versorgungsgrad und Bedarf

Es gibt in der Schweiz bis heute keine verlässlichen Zahlen zum bestehenden Angebot und es gibt keine nationalen Zielsetzungen, welche Betreuungsquote angestrebt werden muss (Anzahl Plätze im Verhältnis zu Kindern einer Altersgruppe), weder für die vorschulische noch für die schulergänzende Kinderbetreuung.

Dank der Anstossfinanzierung wurden in der Schweiz in den vergangenen 17 Jahren knapp 63’000 neue Plätze geschaffen, daneben wurde in einigen Städten und Kantonen weitere Angebote ohne Bundesgeld aufgebaut. Eine zusammenfassende Übersicht dazu gibt es nicht. Nach Schätzung der Jacobs Foundation stehen derzeit im Vorschulbereich rund 45’000 Ganztagsbetreuungsplätze zur Verfügung (Zahl von 2016).

Das entspricht einem Versorgungsgrad von etwa 12.8 Prozent. Für das Angebot der schulergänzende Betreuung gibt es keine nationale Schätzung. Im Gegensatz zu anderen Ländern kennt die Schweiz auch keine nationale Koordination oder gezielte Qualitätsförderung.

Das Ergebnis ist ein kantonaler und kommunaler Flickenteppich, mit unterschiedlichen Regelungen, unterschiedlichen Finanzierungsmodellen, Vorgaben, Betreuungsschlüsseln, Qualitätsstandards und Anstellungsbedingungen.

Die Leidtragenden sind die Familien, welche den Grossteil der Kosten tragen, ohne qualitativ befriedigenden Angebote zu erhalten, wie auch die Angestellten, welche mit geringer Wertschätzung, tiefen Löhnen und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten kämpfen, und die Wirtschaft, die aufgrund der unzureichenden Angebote nicht die gewünschten Fachkräfte anziehen kann.

Dabei ist der Nutzen der familienergänzenden Kindebetreuung schon differenziert aufgezeigt und auch immer wieder in Franken und Rappen ausgerechnet worden. Das Steueraufkommen wächst, weil Mütter mehr und länger erwerbstätig sind. Betreuungsangebote erhöhen die Standortattraktivität von Gemeinden, sie tragen zur Senkung der Sozialkosten bei, sie tragen, wenn die Qualität stimmt, zur Chancengleichheit und Förderung von Kindern bei.

Was fehlt, ist eine gesamtschweizerische, volkswirtschaftliche Kalkulation des Nutzens eines quantitativen und qualitativen Ausbaus der familienergänzenden Kinderbetreuung.

Die Kosten und die Finanzierung der familienergänzenden Kinderbetreuung beziffert die Jacobs Foundation für 2015 mit gesamten Kosten für die institutionelle Kinderbetreuung im Vorschulalter (vor Eintritt in den Kindergarten) von 1.17 Mrd. Franken

Die Normkosten für einen Kitaplatz variieren von Kanton zu Kanton zwischen 110 und 130 Franken pro Tag. Von diesen Normkosten sind rund 70 bis 85 Prozent Personalkosten. Der Vollkostenansatz ist deutlich zu niedrig berechnet und setzt voraus, dass mit einem grossen Anteil an VorpraktikantInnen und unausgebildetem Personal gearbeitet wird.

Nach den Erhebungen zur Anstossfinanzierung bewegt sich der Anteil an unausgebilde-tem Personal in privaten Einrichtungen seit vielen Jahren bei etwa 40 Prozent. Mit pädagogisch begründeten Personalschlüsseln, genügend ausgebildetem und qualifiziertem Personal, angemessenen Löhnen und bezahlbaren Elterntarifen müsste der Normkosten-Ansatz nach vorsichtigen Schätzungen rund zwei- bis dreimal höher sein.

Wer zahlt?

Rund zwei Drittel der Vollkosten werden heute von den Eltern getragen. Damit sind Familien in der Schweiz im internationalen Vergleich überdurchschnittlich belastet durch Drittbetreuungskosten. Haushalte geben bis zu 25 Prozent ihres jährlichen Bruttoeinkommens für subventionierte Kitas aus, für nicht-subventionierte noch mehr. Daraus ergeben sich für die Familien teilweise negative Erwerbsanreize.

Die Ausgaben der öffentlichen Hand sind dagegen vergleichsweise sehr niedrig. Nach Angaben der OECD (Studie von 2004) gibt die Schweiz ca. 0.2% vom BIP für die Betreuung im Vorschulalter aus. Gemäss Jacobs Foundation geben Bund, Kantone und Gemeinden für Kitas, Tagesfamilien und Spielgruppen zusammen ca. 600 Mio. Franken pro Jahr aus, gut 0.1% vom BIP.

Innerhalb der OECD-Länder belegt die Schweiz damit bei den Ausgaben den vorletzten Platz.8Einen Überblick zu den Ausgaben im schulergänzenden Bereich gibt es nicht.

Familienergänzende Kinderbetreuung: das Stiefkind der Politik

Die Folgen der systematischen Unterfinanzierung sind seit langem bekannt und schon häufig kriti-siert worden. Es fehlt an einer systematischen Politik, die Verantwortung wird zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden hin und hergeschoben und die Umsetzung faktisch dem Markt überlassen.

Dies in einem Bereich, der sich der Marktlogik grundsätzlich entzieht und wo Gewinne ausschliesslich auf Kosten der Qualität (unausgebildetes und schlecht bezahltes Personal, grosse Kindergruppen) gemacht werden können.

In der schulergänzenden Betreuung stellen sich dazu noch spezifisch weitere Probleme: Die räumliche, personelle und inhaltliche Trennung von Schule und Betreuung ist pädagogisch unsinnig und ausserdem teuer. Trotzdem hat sich das sogenannte modulare System in der Schweiz fast flächendeckend durchgesetzt. Dazu kommt, dass die heutigen Schulhäuser nicht als Tagesschulen konzipiert wurden. So gehören Raumprobleme an vielen Orten zu den grossen Hindernissen bei der Planung von Tagesschulen.

Bei der Bewältigung der Corona-Pandemie zeigen sich die grundlegenden Schwächen der Finanzierungs- und Organisationsweise in zugespitzter Form. Der Betreuungsauftrag blieb bestehen, die Hauptzahler (die Eltern) durften aber mehrheitlich ihre Kinder nicht bringen und konnten, wo die Einrichtungen nicht behördlich geschlossen wurden, auch keinen Betreuungsurlaub beantragen.

Die fehlende nationale Koordination führte zu einem verwirrenden Wildwuchs an kantonalen Regelungen bezüglich Finanzierung und Zulassungskriterien. Die Eltern sahen nicht mehr ein, wieso sie für ein Angebot zahlen sollten, das sie nicht beanspruchen konnten. Die Betreuungsinstitutionen dagegen mussten den Betrieb mit Kleingruppen weiterführen und die Löhne weiterbezahlen, ohne den Eltern die vereinbarte Betreuung garantieren zu können.

Die Folgen der Corona-Pandemie und die Forderungen

Mit dem Ende des Lockdowns stellen sich neue Herausforderungen. Der Gesundheitsschutz von Kindern, Personal und Eltern ist zu gewährleisten, was nur mit kleineren Gruppen möglich ist.

Zudem

zeichnet sich ab, dass aufgrund des nach wie vor bestehenden Ansteckungsrisikos fraglich bleibt, wie intensiv Grosseltern in den nächsten Monaten zur Betreuung herangezogen werden können. Die Kinderbetreuung muss deshalb zentrales Element jeder Ausstiegsstrategie sein und langfristig gesichert werden, zum Nutzen der Gesellschaft und wirtschaftlichen Stabilität:

• Das Betreuungsangebot muss erhalten bleiben und ausgebaut werden. Es braucht Stütz-massnahmen für Betriebe, welche von Schliessungen und Konkursen bedroht sind.

• Es braucht Massnahmen zur Gewinnung von zusätzlichem Personal und gegen eine Abwanderung von Fachkräften. Ausserdem braucht es eine Ausbildungsoffensive, u.a. durch Beiträge an ausbildende Betriebe.

Es ist deutlich geworden, dass das Verständnis von der öffentlichen Aufgabe mit der privaten Lösung der Kinderbetreuung den berechtigten Erwartungen nicht gerecht werden kann. Es braucht grundsätzlich eine klare, langfristige Unterstützung durch die Politik:

• Die familienergänzende Kinderbetreuung muss als Teil des Bildungssystems verstanden und wie dieses behandelt werden. Sie muss für die Eltern kostenlos sein.

• Betreuungseinrichtungen müssen durch öffentliche Gelder finanziert werden und Non-Profit-Organisationen sein. Es braucht 1 Prozent des BIP für die Kinderbetreuung im vorschuli-schen Bereich (bis 4 Jahre).

• Es braucht nationale Zielsetzungen zu Betreuungsquoten in der vorschulischen und der schulergänzenden Betreuung (etwa 3 mal mehr Plätze im Frühbereich, 5 bis 10 mal mehr Plätze in der schulergänzenden Betreuung).21

• Es braucht ein nationales Programm für Tagesschulbauten für einen systematischen Aus-bau der schulergänzenden Betreuung (Anstossfinanzierung für die Infrastruktur).

• Es braucht ausgebildetes Personal und verbindliche Qualitätsstandards, die am Kindswohl und den Entwicklungsaufgaben von Kindern orientiert sind (Betreuungsschlüssel ohne An-rechnung von PraktikantInnen und unausgebildetem Personal).

• Es braucht gut geregelte Arbeitsbedingungen und Löhne, die in einem begründeten Verhältnis zu den Löhnen von vergleichbaren Berufen (Kindergartenlehrpersonen, Heimerzie-herInnen) stehen

Christine Flitner VPOD, Natascha Wey VPOD aus SGB Dossier 139

Zu unserem Dossier » Kinderbetreuung - ein unverzichtbarer Service public!

Quellen: Finanzhilfen für die Schaffung von familienergänzenden Betreuungsplätzen für Kinder: Bilanz nach siebzehn Jahren (Stand 31. Januar 2020), https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/finanzhilfen/kinderbetreuung.html

Für Ende Mai 2020 ist ein Bericht des Bundesamts für Statistik dazu angekündigt. https://www.bfs.ad-min.ch/bfs/de/home.agendadetail.2019-0547.html

Susanne Stern u.a.: Whitepaper zu den Kosten und Nutzen einer Politik der frühen Kindheit. Im Auftrag der Jacobs Foundation, Zürich/ St. Gallen 2016

Ein Überblick über die Studien, welch bis 2016 erschienen sind, findet sich hier: http://www.bildung-betreuung.ch/uploads/media/Tagesschulen_lohnen_sich.pdf

Starting Strong 2017, Key OECD Indicators on Early Childhood Education and Care, S. 902

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