Neun von zehn Ausbildungswilligen im Bereich Betreuung absolvieren vor der Ausbildung ein Praktikum von einem, manchmal sogar zwei Jahren in der Hoffnung, dass sie dann eine Lehrstelle bekommen. Doch das ist nicht garantiert, denn viele Betriebe beschäftigen mehr PraktikantInnen als sie Lehrstellen anbieten. Die Folgen: Jugendliche werden mit Versprechungen hingehalten und das Ansehen des Berufs wird beschädigt. Auch die Qualität der Kita-Betreuung leidet, wenn die Kinder mehrheitlich von unausgebildetem Personal betreut werden, und viele Betreuerinnen verlassen den Beruf bald nach der Ausbildung, weil sie nicht länger eine Arbeit machen wollen, für die es ja angeblich nicht einmal eine Ausbildung braucht.
Der Kanton Bern hat daher jetzt Massnahmen ergriffen und verlangt, dass nach einem halben Jahr Praktikum ein Lehrvertrag vorliegen muss, wenn das Praktikum länger dauern soll. Falls kein Vertrag vorliegt (und nur dann) muss bei einer Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses ein (immer noch jämmerlicher) Mindestlohn von Fr. 3000.- gezahlt werden. Andere Kantone unterstützen die Ausbildungsanstrengungen von Kitas durch finanzielle Beiträge, und die zuständige Dachorganisation Savoirsocial hat einen Runden Tisch einberufen, um weitere Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Viele Anbieter in der Branche begrüssen diese überfälligen Massnahmen, da sie eine Aufwertung der Betreuungsberufe für dringlich halten und darin einen Chance sehen, die hohe Fluktuation im Bereich zu bremsen und dem Fachkräftemangel in der Betreuung entgegenzutreten. Bedauerlicherweise kann sich der Branchenverband Kibesuisse nicht zu einer klaren Stellungnahme durchringen und verteidigt die schädliche Praxis, die dem Ansehen des Berufs schadet, mit finanziellen Argumenten. Zweifellos ist der Bereich der Kinderbetreuung unterfinanziert, doch wird sich daran kaum etwas ändern, wenn die Anbieter nicht geschlossen eine bessere öffentliche Finanzierung fordern. Allerdings steht dem im Weg, dass es zahlreiche profitorientierte Anbieter in der Kinderbetreuung gibt, für die eine Forderung nach öffentlichen Subventionen schwer vertretbar ist. Hier zeigt sich ein Konstruktionsfehler des Bereichs - in anderen Ländern mit ausgebauter Kinderbetreuung ist es selbstverständlich, dass Betreuungseinrichtungen wie Kitas oder Krippen als Non-Profit-Organisationen funktionieren.
Der VPOD wendet sich seit langem gegen die Vorpraktika im Bereich der Kinderbetreuung und lehnt sie klar ab. Er begrüsst es daher, wenn Kantone und Gemeinden Massnahmen ergreifen, welche zur Einschränkung und Abschaffung dieser Praxis beitragen.
Zum Thema Praktikumseinsätze in sozialen Berufen: VPOD-Merkblatt
Regelung der Kantonalen Arbeitsmarktaufsicht Bern: Mitteilung
