Den Fokus auf relevante Fragen richten

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Von: Elvira Wiegers

Es ist gut, dass die Versorgung älterer Menschen breiter diskutiert wird. Pflege- und Betreuungsqualität und die damit verbundenen Arbeitsbedingungen sowie die ganzheitliche Planung und Finanzierung der Langzeitpflege und -betreuung sollten dabei im Fokus stehen.

Seit kurzem befassen sich die Schweizer Medien kampagnenhaft mit der Pflege und Betreuung älterer Menschen. Während die Westschweizer JournalistInnen prekäre Arbeitsbedingungen und deren Auswirkung auf die Pflegequalität thematisieren, befassen sich die Deutschschweizer KollegInnen vorwiegend mit den Kosten und allfälligen leeren Betten in Alters- und Pflegeheimen (APH).

Als Gesundheitsgewerkschaft setzt sich der VPOD in erster Linie mit den Arbeitsbedingungen in den APH auseinander. Jeder Kanton legt nach eigenem Gutdünken den Stellenschlüssel bzw. Skill-Grade-Mix fest, nach denen die APH ihre Stellen besetzen müssen. So hat etwa der Kanton Bern per 2018 den Pflichtanteil für dipl. Pflegepersonal HF von 20% auf 16% reduziert. Im Kanton Waadt gilt seit diesen Januar die Richtgrösse von 29,3 %. Ursprünglich geplant waren 40%. Im Kanton ZH müssen in einem APH mindestens 25% dipl. Pflegepersonal HF angestellt sein.

Es ist stossend, dass sich Qualität und Angebot der Pflege - beides massgeblich bestimmt durch den Stellenschlüssel bzw. Skill-Grade-Mix - nicht nach den Bedürfnissen älterer Menschen ausrichten, sondern nach kantonal unterschiedlich festgelegten Richtgrössen.

Ein bezahlbares und gut aufeinander abgestimmtes Angebot an ambulanten und stationären Strukturen braucht insbesondere auch temporäre Lösungen wie etwa beim Übergang von einem Spitalaufenthalt nach Hause oder in ein Heim. Oder etwa bei einem fliessenden Wechsel zwischen dem eigenen Zuhause und dem Heim. Etwa, wenn Angehörige in die Ferien gehen oder krank sind und sie vorübergehend die ambulante Betreuung abgeben müssen.

Eine ganzheitlich organisierte und finanzierte Lösung etwa in Form von regionalen Gesundheitszentren soll im Kanton Waadt getestet werden; auch Im Kanton Graubünden wird darüber nachgedacht. Es liegt auf der Hand, dass eine solche kollektiv organisierte Versorgung auch einen kollektiven Gesamtarbeitsvertrag für das gesamte Personal beinhalten sollte.

Einem Medienbericht zufolge gibt es in diversen Kantonen seit mehreren Jahren leere Betten. Falls dies tatsächlich der Fall ist, müssten die Gründe in jedem Kanton genau analysiert werden. Eine langjährige Pflegefachfrau und Langzeitpflegespezialistin stört grundsätzlich, dass der im Zeitungsartikel erwähnte Belegungsgrad von unter 95% ein Überangebot kennzeichnen soll: „Welches Hotel, welche Institution ist immer zu 95% besetzt? Beim Austritt, z. B. beim Tod von BewohnerInnen, oder anderen Austrittsgründen kann eine nahtlose Weiterbesetzung der Zimmer nicht immer garantiert werden. Die Zimmer müssen meist vor der Wiederbesetzung aufgefrischt werden."

Tatsächlich könne man jedoch aufgrund der veränderten Bedürfnisse und der demographischen Entwicklung in manchen APH durchaus von einem Fehlangebot sprechen: „Das heutige Leben im Alter ist nicht wirklich erfasst, und daran angepasste Angebote wurden bisher nur minimal ausgearbeitet. Die heutigen Alten möchten mehr Selbstbestimmung, flexible Essenszeiten sowie Ressourcen erhaltende und Erwachsenen gerechte Tagesstrukturangebote."

Auch die Angestellten in den Alters- und Pflegeheimen wollen zeitgemässe, faire Arbeitsbedingungen. Sie wollen ihre Arbeit in Würde und guter Qualität ausführen können. Nur dies garantiert auch den Schutz der Würde der HeimbewohnerInnen.

Rückfragen gerne an » Elvira Wiegers. Zentralsekretärin für den Gesundheitsbereich

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