Wir fordern Solidarität mit den Schwächsten und die Einhaltung ihrer Rechte

Von: Elvira Wiegers

In den ersten Tagen der Pandemie hielt der Bund fest, dass gefährdete Personen unter Lohnfortzahlung beurlaubt werden können, falls sie ihre Arbeit nicht im Homeoffice erledigen können. Dies nach Einreichen einer persönlichen Erklärung. Der Arbeitgeber konnte seinerseits ein ärztliches Attest verlangen.

Diese Regelung hat der Bundesrat am 20. März geändert: Gefährdete Personen können seither weiterhin zur Arbeit aufgeboten werden, sofern der Arbeitgeber die Schutzmassnahmen gewährleisten kann. Als solche gelten das Händewaschen und ein Sicherheitsabstand von zwei Metern zu anderen Menschen. Doch wer kontrolliert, ob die Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz gewährleistet sind? Die zuständigen Arbeitsinspektorate sind bereits in normalen Zeiten überlastet.

Tausende gefährdete Personen arbeiten heute tagtäglich im Gesundheitsbereich, so etwa in der häuslichen Pflege, in Alters- und Pflegeheimen oder in Krankenhäusern. Sie stehen oft in engem Kontakt mit COVID-PatientInnen, sei es in ihrer Funktion als FaGe, PflegehelferInnen, diplomierte Pflegefachfrauen oder Reinigungskräfte: "Wenn ich nicht gehe, werde ich gefeuert, und wenn ich gehe, riskiere ich meine Haut", hören wir von den Betroffenen.
Dabei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle. Täglich erreichen uns Hilferufe und Anfragen aus allen Regionen. Sie zeigen, dass die Arbeitgeber diese Regelung umfassend durchsetzen. Anbei ein paar Beispiele:

Carolina*, Haushaltshilfe, gefährdete Person, konnte ihre Arbeit für mehrere Tage nicht unterbrechen, weil ihr Arbeitgeber ein ärztliches Attest des behandelnden Arztes verlangte (Arzt unerreichbar). Sie versuchte, den Arbeitsmediziner zu kontaktieren. Ablehnung durch den Arbeitgeber. Sie war mehrere Tage einem massiven Risiko ausgesetzt und wurde schliesslich positiv getestet. Sie arbeitet nun nicht mehr, wird jedoch vom Arbeitgeber zum Schweigen gezwungen und muss Repressalien befürchten.

Louisa* arbeitet im Reinigungsdienst eines grossen Westschweizer Spitals. Da sie aufgrund einer Lungenkrankheit gefährdet ist, wartet sie seit einer Woche darauf, dass ihr Arbeitgeber ihr erlaubt, zu Hause zu bleiben. Sie hat ein ärztliches Attest. Bei der Arbeit geht sie jeden Tag in Räumen ein und aus, in denen kontaminierte PatientInnen behandelt werden. Sie hat nicht einmal Desinfektionsmittel in ihrer Tasche, aber sie kann es sich nicht leisten, einen Monatslohn zu verlieren geschweige denn ihren Arbeitsplatz.

Jerónimo*, Transporteur/Fahrer in einem Spital, eine gefährdete Person, mit einem ärztlichen Attest, kann unter Lohnfortzahlung zu Hause zu bleiben, aber der Arbeitgeber sagt, dass er bei Personalmangel verfügbar bleiben und gegebenenfalls an seinen Arbeitsplatz zurückkehren müsse. Andernfalls drohe die Entlassung.

Tausenden von Menschen in der Schweiz sind wie diese drei erwähnten Personen jeden Tag einem hohen Risiko ausgesetzt. Viele können jedoch das Risiko nicht eingehen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Sie befürchten, dass sie nach der Coronakrise keinen anderen Job mehr finden. Sie haben oft so viel Angst, dass sie sich weigern, die Gewerkschaft einzuschalten.

In weniger als drei Wochen wurden nicht nur die Rechte dieser Menschen, sondern auch die Solidarität mit ihnen an die Wand gefahren. Wir machen mit den drei Zeugenaussagen diese erschreckende Situation sichtbar. Obwohl die Pandemie noch lange nicht unter Kontrolle ist, hat der Druck der Arbeitgeber, die gesamte Bevölkerung wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, in den letzten Tagen spürbar zugenommen.

Wir fordern den Bundesrat dringend auf, echte Schutzmassnahmen für gefährdete Menschen und schwangere Frauen zu ergreifen. Sie sind einfach:

1 - das Recht für gefährdete Personen und schwangere Frauen, freigestellt zu werden, wenn Homeoffice nicht möglich ist.

2 - das Recht auf ein 100%iges Gehalt für gefährdete Menschen und schwangere Frauen, solange sie nicht arbeiten können.

3 - das Verbot der Entlassung von gefährdeten Personen und schwangeren Frauen während der Dauer ihrer Freistellung und während 6 Monaten nach ihrer Freistellung.

Weitere Auskünfte:

Elvira Wiegers, Zentralsekretärin Gesundheit. Tel: 079 242 06 67

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