Rassismus in der Schweiz - verleugnet und doch allgegenwärtig

Eric Roset

Von: Guy Zurkinden, SSP

Im Mittelpunkt der jüngsten Antirassismus-Proteste steht nicht nur der strukturelle Rassismus in Nordamerika sondern auch der stets verleugnete Rassismussowie das koloniale Erbe der Schweiz.

Um den Sklavenhandel zu rechtfertigen, ist der anti-schware Rassismus in die DNA unseres Kontinents geschrieben. Kanyana Mutombo, Sekretärin des Carrefour de réflexion et d'action sur le racisme anti-Noir, weist darauf hin, dass Polizeibrutalität und Racial profiling nur ein Teil sind. Rassismus betrifft alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens (Amnesty, Dezember 2014).

Arbeitsplätze sind keine Ausnahme. Im Gesundheitssektor "schlucken viele ausländische Beschäftigte täglich die Beleidigungen der Patienten", sagt Alma Wiecken, Direktorin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (NZZ, 14. Juni 2020).

Schwarze Menschen sind nicht die einzigen Opfer, aber sie werden oft zur Zielscheibe. Wie die französische Aktivistin Rokhaya Diallo betont, ist Rassismus untrennbar mit der sozialen Frage verbunden: "Wer sind die Menschen, die von den neoliberalen Arbeitsmarkt- und Rentenreformen am meisten betroffen sind? Frauen und Minderheiten. Arme, afrikanische und/oder eingewanderte Frauen. Wir können es nicht ignorieren" (Le Temps, 16. Juni 2020).

Auch in der Schweiz führen Klassen-, Geschlechts- und Herkunftsdiskriminierungen dazu, dass ein grosser Teil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund - abgesehen von den reichen Steuerflüchtlingen - auf der sozialen Leiter ganz nach unten gerückt ist. Sans-papier und diejenigen, denen Asyl verweigert wird, sind die letzten Glieder in dieser Kette der Ungleichheit.

Dieser Zustand wird durch politische Diskurse legitimiert, über die in den Medien ausführlich berichtet wird und in denen Mitglieder der "nationalen Gemeinschaft" den "Anderen" gegenübergestellt werden. Hinzu kommt die ewige Phantasie von der "ausländischen Überfremdung".

Der Rassismus, die Ausländergesetzgebung, die 2-Klassen-Gesellschaft ist auch ein Problem für den gewerkschaftlichen Arbeitskampf: die Diskurse verstärken die "Konkurrenz" zwischen den Beschäftigten. Sie schwächen die Widerrede sowie die Widerstandskraft der von Diskriminierung und Rassismus Betroffenen. Sie schwächen die Verhandlungsposition und die Streikkraft gegenüber den Arbeitgebern.

Indem sie den strukturellen Rassismus anprangern, stellen Tausende von jungen Demonstranten diese Ausgrenzungslogik in Frage.

Sie fordern Solidarität und soziale Gerechtigkeit - genau so wie die feministischen Streikaktivistinnen und die Klima-Jugend.

Am 14. Juni kamen der Kampf für Gleichberechtigung und der Kampf gegen Rassismus gemeinsam in zahlreichen Demonstrationen zum Ausdruck.

Das ist ein mehr als ein Statement, das ist eine Kampfansage.

Aus dem französischen. Erschienen in der Services Publics 11 - 2020

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