Arbeitsbelastung an der Schule: Studien zur Gesundheit und zum Wohlbefinden der Lehrerinnen und Lehrer

Überlange Arbeitszeiten schaden der Gesundheit. (Foto: Eric Roset)

Der Lehrerberuf wird immer schwieriger und anstrengender. Mehrere Studien haben in den letzten Jahren bestätigt, dass der Gesundheitszustand von Lehrpersonen im Vergleich zur gesamten Bevölkerung zu wünschen übrig lässt. Viele Lehrpersonen sind am Rande der Erschöpfung oder gesundheitlich angeschlagen, bis hin zum Burn-out.

Welche Studien gibt es und was sagen sie?

Eine Umfrage über die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer in der Westschweiz aus dem Jahr 2017 zeigt, dass mehr als sechs von zehn Lehrpersonen der Ansicht sind, dass sich ihr Gesundheitszustand in den letzten fünf Jahren aufgrund der Arbeit verschlechtert habe. Der Gesundheitszustand der Lehrpersonen ist auch deutlich schlechter als der der Gesamtbevölkerung. Auch im internationalen Vergleich schneidet die Schweiz nicht gut ab: Die Burn-out-Raten sind hier höher als in den Vergleichsländern Neuseeland und Dänemark.

Regina Studer, Stéphane Quarroz: Santé des enseignants en Suisse romande. Mise en évidence de la situation en 2016 (Umfrage über die Gesundheit der Westschweizer Lehrpersonen.) Im Auftrag des Syndicat des enseignants romands (SER). IST (Institut universitaire romand de santé au Travail) 2017. Studie (PDF)

Ähnliche Ergebnisse zeigen auch Studien der Fachhochschule Nordwestschweiz von 2014 zum Thema Arbeitsbelastung und Stressempfinden, welche vom Nationalfonds gefördert wurden.

Befragungen von Lehrpersonen aus allen drei Sprachregionen zeigten: Jede fünfte Lehrperson fühlt sich «ständig überfordert», jede dritte leidet mindestens einmal pro Monat unter depressiven Beschwerden, ebenso viele sind Burnout-gefährdet. Deutlich wird auch, dass Präsentismus (beispielsweise Arbeiten trotz Krankheit, um eine hohe Arbeitsmenge bewältigen zu können) negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben kann.

Weitere Ergebnisse der Untersuchungen: Die Personen mit einem höheren Beschäftigungsgrad (21-25 Unterrichtsstunden) sind stärker krankheitsgefährdet. Es gibt keine Unterschiede zwischen den Sprachregionen und auch keine Unterschiede zwischen den Stufen. Auch die Berufserfahrung machte bei den befragten Personen keinen Unterschied. Kurzbeschreibung des Forschungsprojekts.

Publikationen aus dem Projekt (Auswahl)

Baeriswyl, S., Krause, A., & Kunz Heim, D. (2014). Arbeitsbelastungen, Selbstgefährdung und Gesundheit bei Lehrpersonen – eine Erweiterung des Job Demands–Resources Modells. Zeitschrift Empirische Pädagogik, 28, 128–146.

Kunz Heim, D.; Sandmeier, A. & Krause, A. (2014a). Negative Beanspruchungsfolgen bei Schweizer Lehrpersonen (Beiträge zur Lehrerbildung, 32(2), S. 280–295)

Kunz Heim, D.; Sandmeier, A. & Krause, A. (2014b). Effekte von arbeitsbedingten und personalen Ressourcen auf das Arbeitsengagement und das Engagement für die Schulentwicklung bei Lehrpersonen (Empirische Pädagogik, 28(2), 147–170)

Sandmeier, A., Kunz Heim, D., Windlin, B. & Krause, A. (2017). Negative Beanspruchung von Schweizer Lehrpersonen. Trends von 2006 bis 2014. Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 39 (1), 75-94.

Eine weitere Studie hat mit drei Teilprojekten die Frage der psychischen Gesundheit an Schweizer Volksschulen analysiert und untersucht, ob Handlungsbedarf für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen wie auch der Lehrpersonen besteht. Die Analyse der vorhandenen Literatur zum Thema Lehrergesundheit zeigte, dass für Lehrpersonen und für Schulleitende keine spezifischen Angaben über die Verbreitung von psychischen Störungen vorliegen, sondern nur Angaben über die Verbreitung von berufsbedingten gesundheitsgefährdenden Beanspruchungsfolgen. Gemäss den verschiedenen untersuchten Studien sind zwischen 20% bis 30% der Lehrpersonen und zwischen 12% und 36% der Schulleitenden von Burnout betroffen.

Bonetti, B. et al. (2017). Bedarfsanalyse von Massnahmen zur Förderung der Psychischen Gesundheit im Bildungsbereich (BPGB) - Synthesebericht. Bern Liebefeld: bildung+gesundheit Netzwerk Schweiz, Bundesamt für Gesundheit. Synthesebericht und Teilstudien

Bereits 2000 hat eine Befragung der Lehrpersonen im Kanton Vaud ähnliche Erkenntnisse gebracht: In dieser Studie wurde der Gesundheitszustand der Lehrpersonen mit dem der Gesamtbevölkerung verglichen. Dazu wurde die Anzahl Symptome der Befragten erfasst. Mehr als 5 Symptome gelten als deutliches Warnsignal, Personen mit 9 oder mehr Symptomen gelten als akut Burn-out-gefährdet. In beiden Kategorien hatten die Lehrpersonen deutlich höhere Werte als die Gesamtbevölkerung: 34.1 % der Lehrpersonen hatten zwischen 5 und 8 Symptome, gegenüber 29.3 % der Gesamtbevölkerung. 9 und mehr Symptome hatten 22.1 % der Lehrpersonen, gegenüber 14 % der Gesamtbevölkerung.

Gleichzeitig wurde die hohe Motivation der Lehrpersonen für ihren Beruf deutlich: 79% gaben an, sich in ihrer Arbeit zu verwirklichen, und 76% würden sich wieder für diese Laufbahn entscheiden. Trotzdem trugen sich 44% mit der Absicht, den Schuldienst zu verlassen. Positiv erlebt wird offenbar die Arbeit mit den einzelnen Schülerinnen und Schülern sowie mit der Klasse als ganzer; als belastend hingegen scheinen die Beziehungen mit der Schule als bürokratischer Struktur und im weiteren mit dem Erziehungsdepartement wahrgenommen zu werden. Vor allem die «ständigen Reformen» und die Klassengrössen werden offenbar als Stress- und Belastungsquellen empfunden.

Marcel-André Boillat, Viviane Gonik, Sandrine Kurth : Enquête sur l'état de santé physique et mentale des enseignant-e-s vaudois (Erhebung zur körperlichen und geistigen Gesundheit der Lehrkräfte in der Waadt), 2000. Zusammenfassung

Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass das Thema Arbeitsbelastung und Arbeitszeit von Lehrpersonen auch in Deutschland ein wichtiges Thema ist. Dort wurden vor kurzem in einer sogenannten Metastudie 20 vorliegende Studien aus den letzten 60 Jahren kritisch untersucht und die Ergebnisse überprüft und zusammengefasst.

Thomas Hardwig, Frank Mußmann: Zeiterfassungsstudien zur Arbeitszeit von Lehrkräften in Deutschland. Konzepte, Methoden und Ergebnisse von Studien zu Arbeitszeiten und Arbeitsverteilung im historischen Vergleich. Expertise im Auftrag der Max-Träger-Stiftung. Göttingen, Januar 2018 Zusammenfassung der Studie

Die Studie zeigt: Es fehlt nicht an Erkenntnissen, sondern an der Umsetzung. Die Erkenntnisse: Erstens: Lehrerinnen und Lehrer arbeiten aufgrund der Arbeitszeitvorgaben mehr als vergleichbar Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Die Gründe für hohe Arbeitszeiten sind im System begründet. Durch die zahlreichen Anforderungen sind Lehrkräfte geradezu gezwungen unbezahlte Überstunden zu machen. Andernfalls würden sie den Aufgaben nicht gerecht werden können. Dabei haben die Studien aktuelle Entwicklungen wie zum Beispiel die zunehmende Inklusion noch gar nicht berücksichtigen können.

Zweitens: Überlange Arbeitszeiten sind kein Randphänomen. Ein hoher Prozentsatz der Lehrkräfte bewegt sich im Bereich überlanger Arbeitszeiten (mehr als durchschnittlich 48 Stunden pro Unterrichtswoche), die auf Dauer gesundheitsgefährdend sind. Ebenso sind mangelnde Pausenzeiten während eines Schultags, am Wochenende und teilweise in den Ferien seit Jahrzehnten Alltag. Fehlende Erholungsmöglichkeiten, Entgrenzung der Arbeitszeit durch Wochenend- und Nachtarbeiten sowie längere Phasen von Spitzenbelastungen sind keine neuen Phänomene, deren Entwicklung man erst einmal beobachten müsse, sondern vielfach aufgezeigt und nirgendwo widerlegt.

Fazit: Die Arbeitsbelastung von Lehrerinnen und Lehrern ist dauerhaft hoch und führt dazu, dass der Gesundheitszustand im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich schlechter ist. Hohe Berufsmotivation bei gleichzeitig unzureichenden Möglichkeiten, gute Arbeit zu leisten, führen vermehrt zu Erschöpfung und Burn-out.

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