Ergebnisse der VPOD-Umfrage bei Lehrpersonen

Viele Fragen sind während der Schulschliessungen offen geblieben oder auf später verschoben worden. Deshalb haben wir Lehrpersonen und Unterrichtende aller Stufen zur Phase des Fernunterrichts und zu den Schlussfolgerungen für die Zukunft befragt.

Die Ergebnisse: Die Befragung in Zahlen

Über 600 Lehrpersonen aller Stufen haben sich die Zeit genommen, den ganzen Fragebogen durchzugehen und uns differenzierte, informative und zum Teil auch bewegende Auskünfte zu geben. Sie lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Trotzdem gibt es einen Grundtenor: Die vergangenen Monate waren sehr anstrengend und herausfordernd, zum Teil an der Grenze der Überforderung, doch die Lehrpersonen haben sich auf allen Stufen mit grosser Bereitschaft, Flexibilität und Energie auf die völlig unerwartete Situation eingelassen und versucht, nicht nur den Bildungsauftrag einzulösen, sondern an vielen Stellen darüber hinaus auch zur Stabilisierung der Kinder in dieser ungewöhnlichen Situation beizutragen.

In Krisen zeigt sich überdeutlich, was auch sonst nicht oder was im Gegenteil gut funktioniert.

Die Rückmeldungen zu den Schulleitungen reichen von «katastrophal» und «unterirdisch» bis zu «differenziert, wertschätzend, stützend, ermutigend». Einige Schulleitungen waren offenbar komplett überfordert und zogen sich auf hierarchische Direktiven zurück, während andere die Bewältigung der Krise zusammen mit den Lehrpersonen in Angriff nahmen. Ähnlich waren die Rückmeldungen zur gegenseitigen Unterstützung in den Teams. Dort, wo die Zusammenarbeit auch sonst funktioniert, konnte darauf zurückgegriffen werden. Andere Lehrpersonen fühlten sich komplett allein gelassen. So überrascht es auch nicht, dass die Erfahrungen der letzten Monate in manchen Schulhäusern zum Thema und Ausgangspunkt für die Planung des neuen Schuljahrs gemacht werden, während an anderen Orten so getan wird, als sei das überflüssige Nabelschau.

Digitalisierungsschub? Da fehlt noch einiges!

Erhellend sind auch die Rückmeldungen zum Einsatz der digitalen Mittel, welche die Basis für den Fernunterricht boten. Die wichtigste Erkenntnis: Schon bei der Hardware hapert es, bei der Software und beim Datenschutz erst recht!

Im Einzelnen:

  • Viele Schülerinnen und Schüler (keineswegs alle!) haben heutzutage zwar ein Smartphone, aber trotzdem gibt es in vielen Familien keinen Computer, keinen Drucker, bei manchen gab es keine Kamera, der Ton funktionierte nicht oder die Internetverbindung kam an ihre Grenzen.
  • Dazu standen in Familien mit mehreren Schulkindern und eventuell noch Eltern im Homeoffice nicht ausreichend Geräte und ruhige Arbeitsplätze zur Verfügung.
  • Faktisch hatten viele Kinder daher nur ein Smartphone oder das Smartphone der Eltern zur Verfügung. Teilweise mussten noch Geräte organisiert werden, bis hin zu privaten Geräten der Lehrpersonen.
  • Die Lehrpersonen verfügen in der Regel über eigene Rechner, allerdings sind auch da viele Fragen ungeklärt, insbesondere das Thema Datenschutz, Kommunikationskanäle, Verfügbarkeit, Programme und Sicherheitsbestimmungen, Support bei Problemen etc. Auch die Finanzierung eigener Geräte ist an vielen Orten nicht geregelt, an den Hochschulen noch weniger als in der obligatorischen Schule.

Das grosse Missverständnis: Homeoffice und Kinderbetreuung

Immer noch glauben viele Menschen, Homeoffice sei eine Möglichkeit, Betreuungspflichten und Erwerbsarbeit gleichzeitig zu erledigen.

Der Bundesrat hatte vorausschauend die Möglichkeit geschaffen, dass Eltern, welche wegen der Schulschliessungen ihre Kinder selbst betreuen mussten, Freistellung und Lohnersatz erhalten konnten. Diese Regelung war generell wenig bekannt, auch bei den Lehrpersonen.

Zwar gaben 30% der Befragten an, Kinder unter 16 zu betreuen, doch hatten auch diese vielfach keine Kenntnis von der Möglichkeit der Freistellung. Einige Lehrpersonen antworteten aber auch, dass das Verantwortungsgefühl gegenüber den Schülerinnen und Schülern nicht zugelassen habe, sich in dieser Situation zurückzuziehen.

Deutlich wurde aber auch, dass auch Personen ohne Betreuungspflichten im eigenen Haushalt teilweise vielfältige Zusatzbelastungen managen mussten. Insbesondere die psychische und physische Versorgung von alten Eltern wurde mehrfach erwähnt.

Lehrpersonen am Rande?

Nicht überraschend, dass einige Lehrpersonen durch die vielfältigen Belastungen an den Rand ihrer Kräfte gekommen sind. Allerdings haben die meisten die Zeit gut durchgestanden, trotz des erheblichen Mehraufwands, welche der Fernunterricht teilweise generierte, ein Mehraufwand übrigens, der an erschreckend vielen Orten von den Vorgesetzten kommentarlos ignoriert wurde. Wertschätzung sieht anders aus!

Die Krise ist nicht vorbei, und die ersten Tage im neuen Schuljahr zeigen, dass der Herbst von Quarantänen, wechselhaften Maskenvorschriften, vielfältigen Schutzkonzepten und Regelungen geprägt sein wird. Eltern berichten, dass ihre Kinder anders als in früheren Jahren den Schulanfang mit wenig Vorfreude entgegengesehen haben. Nach wie vor ist noch viel Improvisation verlangt. Doch es können aus unserer Umfrage auch klare Schlüsse für die Zukunft gezogen werden:

  • Einige Schulleitungen müssen über die Bücher, was ihre Führungsmethoden und den Informationsfluss angeht. Top-down-Direktiven ohne Rücksprache mit den Lehrpersonen sind nicht einfach schlechter Stil, sondern es geht auch wertvolles Erfahrungswissen der Lehrpersonen verloren und zudem führt es zu schlechter Stimmung innerhalb des Teams, zu verstecktem Widerstand, Handlungsunfähigkeit, und es steigert die Erschöpfungsraten bei den Lehrpersonen. Die Unterschiede in Bezug auf Resilienz bei den Lehrpersonen in der Krise war auffallend häufig mit negativen Rückmeldungen zum Leitungsverhalten verbunden.
  • Der ganze Themenkomplex «digitale Hilfsmittel» muss gründlich angesehen werden. Hier haben die Lehrpersonen jetzt ausführliche, vielfältige Erfahrungen gesammelt, die aufgegriffen und in konkrete Massnahmen umgesetzt werden müssen, auch im Hinblick auf mögliche weitere Phasen des Fernunterrichts.
  • Auch das Thema Vereinbarkeit muss auf die Agenda: Homeoffice und Kinderbetreuung sind nicht gleichzeitig zu machen.

Viele weitere Themen wurden in den Antworten angesprochen. Ein ungelöstes Problem blieb offenbar (zumindest teilweise) die Beschulung ausserhalb des Regelunterrichts: die Kinder in den Asylbewerberheimen erhielten gar keine Unterricht, obwohl die Lehrpersonen bereit standen, und auch bei der Beschulung von geistig Behinderten kam der Fernunterricht definitiv an seine Grenzen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Aber alles in allem muss man sagen: Hut ab vor den Lehrpersonen, die schnell, flexibel und mit hohem Engagement dafür gesorgt haben, dass der Unterricht weiterläuft, und die auch jetzt bereitstehen, um die Defizite aufzufangen, die notgedrungen bei einigen Schülerinne und Schülern eingetreten sind.

Die Befragung in Zahlen:

Insgesamt haben 644 Lehrpersonen die Befragung ausgefüllt und uns ihre teils ausführlichen Kommentare geschickt, aus allen Schulstufen vom Kindergarten bis zur Hochschule.

Die Mehrheit (54% der Antwortenden) arbeitet Teilzeit mit einem Pensum über 50%, ca. 29% der Antwortenden sind Vollzeit angestellt. Nicht unerwartet sind gut drei Viertel der Lehrpersonen in unserer Umfrage Frauen, 20% Männer (Rest: anderes oder keine Angabe). Knapp 30% lebt mit Kindern unter 16 im Haushalt, dazu wurden noch zahlreiche andere Betreuungspflichten genannt, die sich vor allem auf die Fürsorge für alte Eltern oder auch ältere Kinder mit besonderen Bedürfnissen bezogen.

Zu den Inhalten: Der Informationsfluss währende der Krise funktioniert offenbar, 80% gaben an, sich von den Vorgesetzten/ Schulleitungen ausreichend informiert zu fühlen, die Unterstützung durch die Vorgesetzten fanden aber nur noch 60% ausreichend.

Auch die Kommunikation mit den Kolleginnen und Kollegen scheint mehrheitlich funktioniert zu haben, das fanden über 90 %. Ebenso die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern bzw. den Studierenden, wobei es da unter anderem viele technische Hürden zu überwinden gab.

Die Lehrpersonen selbst verfügten grossmehrheitlich (knapp 90%) über die nötige technische Ausstattung, um den Fernunterricht zu bewältigen, wobei die Mehrheit die Geräte privat besitzt (an einigen Einrichtungen gibt es einen kleinen finanziellen Support für private Geräte) und immerhin die Hälfte gab auch an, bei technischen Problemen Support durch den Arbeitgeber bekommen zu haben. (20% bekamen keinen Support, für die anderen stellte sich die Frage nicht).

Sehr viel schlechter sah es bei den Schülerinnen und Schülern aus: Aus Sicht der Lehrpersonen hatte nur knapp die Hälfte (48%) die notwendige technische Ausrüstung, um dem Unterricht zu folgen und die Aufgaben zu erledigen. Erwähnt wurden fehlende Geräte, fehlender Zugang (weil andere Familienmitglieder auch Bedarf hatten), unzureichende Internetverbindung, fehlende Ausstattung der Geräte (Kamera, Audio), fehlende Drucker und fehlendes Know How der Eltern, wenn sie Apps aufladen sollten, u.a. So mussten viele Lehrpersonen improvisieren, Geräte organisieren und die Aufgaben und Unterlagen auf Smartphone-Lesbarkeit ausrichten, um die Kommunikation zu gewährleisten.

Bedauerlich sind auch die Rückmeldungen zum Thema Vereinbarkeit. Obwohl ein Drittel der Lehrpersonen Betreuungspflichten für Kinder unter 16 hatte, hatten nur 20% überhaupt von der Möglichkeit der Freistellung für Betreuungsaufgaben gehört. In Anspruch genommen haben sie unter 1%, die anderen haben sich notgedrungen arrangiert.

Wie sah es mit der Mehrarbeit durch die Schliessung der Bildungseinrichtungen aus? 84% bejahten, dass sie einen Mehraufwand hatten (uneingeschränkt: 44%, «teilweise» 40%).

Allerdings war das für die Schulleitungen offenbar kein Thema: 65% gaben an, dass der Arbeitgeber das Thema «Mehraufwand» nicht angesprochen hat, zumindest bisher nicht, und einen finanziellen oder zeitlichen Ausgleich haben nur knapp 5% erhalten. Dagegen erwähnten knapp 9% (vor allem im Bereich der Erwachsenenbildung), dass der Arbeitgeber fordere, in der Krise aufgelaufene Minusstunden nachzuarbeiten, obwohl das arbeitsrechtlich nicht vorgesehen ist.

Für das neue Schuljahr erwarten sich etwa 28% der Lehrpersonen zusätzlichen Aufwand durch den Nachholbedarf der Schülerinnen und Schüler, ebenso viele wissen es nicht, ca. 43% erwarten in dieser Hinsicht keinen Zusatzaufwand. Von konkreten Massnahmen dazu in ihrer Einrichtung wussten zum Zeitpunkt der Befragung nur knapp 9% der Befragten.

Eine Mehrheit der Befragten (56%) fühlen sich dennoch gut vorbereitet fürs kommende Schuljahr, ca. 21% fühlen sich nicht ausreichend vorbereitet und 23% wussten es nicht.

Hier wie auch beim Thema Vereinbarkeit gab es bei den Kommentaren zahlreiche Rückmeldungen, die auf einen hohen Erschöpfungsgrad bei vielen Personen schliessen lassen, der unbedingt ernst genommen werden muss!

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